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Ändern wir die Spielregeln. Alles basiert auf Spielregeln

Als du Netflix kennengelernt hast, war Netflix bereits ein Teenager. Netflix hat 2013 drei Emmys für „House of Cards“ gewonnen und damit Geschichte geschrieben. Nie zuvor gab es einen Emmy für eine Serie, die ausschließlich im Netz gestreamt wurde.

Als Netflix 2015 sieben Golden Globes gewann, war Netflix bereits achtzehn Jahre alt, also volljährig. Netflix-Gründer Reed Hastings sagte 2015 in Berlin bei der re:publika: „Ich konnte eigentlich nichts und hatte einfach unfassbar viel Glück.“

Seit 1997 war die Firma gereift und gewachsen. „Wir haben zuerst den Kampf gegen Blockbuster aufgenommen.“ 2010 war die scheinbar übermächtige Firma Blockbuster pleite. Anders als Blockbuster hatte Netflix ein zweites Standbein, den Streamingdienst. „Unser neuer Gegner war das Fernsehen“. Hastings änderte mit Netflix die Spielregeln, wie die Welt fernsieht – nämlich wann ihr wollt, wo ihr wollt und was ihr wollt. Erfolg basiert auf Spielregeln, die von vielen Menschen anerkannt und praktiziert werden.

Spielregeln sind ein zentraler Bestandteil unseres Lebens. Alles, was wir tun, basiert auf Spielregeln. Auch Kulturen und Sprachen sind geschriebene und ungeschriebene Spielregeln. Wer in einem Land lebt, kennt sie. Wer dort nicht aufgewachsen ist, erlebt Überraschungen. Mein Schwiegervater war 1961 als Student im Südosten Spaniens am Mittelmeer. Eine spanische Familie, die noch nie Deutsche getroffen hatte, lud ihn und seinen Freund zum Sonnenbaden auf die Terrasse ein. Der Ort lag direkt am Mittelmeer. Zur Mittagszeit sagte die Familie den Gästen, dass sie nun essen würden, ob sie denn mitessen wollten. Für Spanier ein klares Signal, aufzustehen und zu gehen. Doch die beiden Deutschen kannten diese klaren Regeln der Spanier nicht. Sie fühlten sich ernsthaft zum Essen eingeladen und sagten: „Ja, gerne bleiben wir zum Essen“. Das wiederum führte in der spanischen Familie zu großer Aufregung, denn sie hatten gar nicht genug Essen im Haus – schon gar nicht für Gäste. Also wurden die Kinder durch die Hintertür ins Dorf geschickt, mehr Gemüse und Obst zu kaufen. Die beiden Deutschen wunderten sich nur, warum das Essen erst eine Stunde später serviert wurde.

25 Jahre später war ich Austauschschüler in Phoenix, Arizona. Das war damals eine große Ausnahme, die wenigsten Schüler*innen meiner Berliner Schulklasse gingen ins Ausland. Als einziger Austauschschüler an meiner Schule in den USA wurde ich häufig eingeladen. So bestellte uns Amy in ihrem Truck im Drive-through von Dairy Queen Milkshakes mit Keksen. Traumhaft. Ich sagte „Danke“. Sie erwiderte „You are welcome.“ Ich wunderte mich. Ich war doch bereits drei Wochen da. Wieso sagte sie jetzt „Willkommen“. Eine Redewendung, die ich im Englisch Unterricht in Berlin nie zuvor gehört hatte. Erst später wurde mir klar, dass das einfach „Bitte, gerne geschehen“ heißt. Bis heute mag ich „You are welcome“ sprachlich viel mehr als das Deutsche „bitte“ oder „bitte schön“.

Auch die Uhrzeit ist eine weltweit geltende Spielregel in festgelegten Zeitzonen. So weiß jeder in der ganzen Welt, wie spät es ist. Das vereinfacht die Verständigung darüber, wann man sich spricht oder trifft, und wann Reisende und Lieferungen ankommen. Traditionen, Gesetze, Werte genauso wie Fahrzeiten und Preise bestehen im Kern aus Spielregeln. Diese Regeln haben sich Menschen ausgedacht, sie fußen auf Ideen und wurden aus der Fülle der Möglichkeiten gewählt und umgesetzt. Zum Beispiel das Streamen von Serien, wann und wo man will. Zuerst war es eine Idee, nun ist der Service etabliert und bewährt. Der Erfolg steht fest, und Netflix ist der Platzhirsch. Netflix selbst hat Macht und ist wie eine Burg. Die Festung wirkt groß, mächtig und uneinnehmbar. Wettbewerber kommen und gehen. Im August 2020 startete in Deutschland der Streamingdienst „Sooner“. Wird Sooner wiederum die Spielregeln erfolgreich verändert oder sang- und klanglos verschwinden?

Alles, was heute besteht, ist immer eine Idee aus der Vergangenheit. Menschen haben diese Angebote, Abläufe, Gesetze und Meinungen diskutiert und festgelegt. Häufig waren Gesetze ein großer Fortschritt zu seiner Zeit. Wie beispielsweise das Rentengesetz. Der Reichstag verabschiedete am 22. Juni 1889 nach zweijähriger öffentlicher Diskussion das Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung. Maßgeblich beteiligt daran Reichskanzler Otto von Bismarck. Auch unsere Gesellschaft und das Zusammenleben basieren auf Spielregeln – geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen. Das gibt uns Stabilität. Ohne Regeln und Gewohnheiten wäre das Zusammenleben deutlich anstrengender, da niemals klar wäre, welche Regel gerade gilt.

In einer Gruppe von Jugendlichen nahm ich mir eine fremde Jacke, die am Eingang der Veranstaltung hing, und zog sie an. Die Jacke war besonders, sie ragte heraus und es war klar, dass es nicht meine Jacke war. In meinem kurzen Vortrag zu Freiheit betonte ich, dass ich mir diese Jacke gerade am Eingang genommen hätte, denn das sei meine Freiheit. Erstaunlicherweise regte sich kein Widerspruch – auch nicht von der Person, der die Jacke gehörte. Es herrschte zunächst allgemeine Verwirrung. Irgendwann sagte ein Jugendlicher: „Aber du kannst dir doch nicht einfach eine Jacke nehmen.“ Ich konterte. „Doch. Siehst du doch. Es war ganz einfach.“

Viel zu selten diskutieren wir über das Feststehende und die Freiheit, dies zu ändern. Natürlich wäre das Nehmen der fremden Jacke ein Diebstahl. Doch wie ist das mit guten, leckeren Lebensmitteln, die Lebensmittelmärkte tagtäglich wegschmeißen? Ist es Diebstahl, diese aus den Mülltonnen zu holen und zu essen? „Containern“ – also Lebensmittel aus Abfalltonnen und Containern zu retten, ist in Deutschland verboten und wird als Diebstahl bestraft. Ist das sinnvoll? Weltweit wird ein Drittel aller Lebensmittel weggeschmissen. Vernichtete Lebensmittel verursachen in der Produktion, beim Transport und in der Entsorgung rund acht bis zehn Prozent aller Treibhausgase weltweit. Wir reden über essbare, leckere Lebensmittel. Klingt das logisch? Nachhaltig? Wertstiftend? Von uns gewollt? Derzeit spielen wir alle dieses Spiel mit. Einzelne mutige Menschen, die containern, stemmen sich dagegen. Und werden bestraft. Sollte nicht stattdessen das Vernichten essbarer Lebensmittel strafbar sein anstatt das Retten von Lebensmitteln aus Mülltonnen? Sollte dieses Gesetz verändert werden? In Frankreich dürfen Supermärkte Lebensmittel nicht mehr wegwerfen. Die Tafeln erhalten deutlich mehr Essen. Lebensmittelverschwendung steht unter Strafe. Pro Vergehen droht eine Geldstrafe von 3750 Euro.

Jede Regel und jedes Gesetz sind Einigungen von Menschen in der Vergangenheit. Jede Tradition basiert auf vergangenen Fragen und Debatten. Unter den damaligen Rahmenbedingungen war die Tradition wahrscheinlich sinnvoll. Einige Traditionen können auch heute noch so gut sein wie früher. Doch die meisten sind alte Burgen und entpuppen sich bei genauerer Betrachtung als Reliquien der Vergangenheit. Lasst uns lernen, zu unterscheiden, was unser Zusammenleben fördert, und was es hemmt, bremst oder sogar zerstört. Zerstörendes und Bremsendes können wir ändern und sollten wir anders gestalten. Traditionelle Burgen und festungsartige Meinungen waren im Ursprung häufig fortschrittlich. Doch wenn sie den Wandel verpassen, halten sie auf und bleiben veraltet zurück.

Keine Burg steht ewig und keine Mauer trennt für immer. Wer über die Mauern des Bestehenden hinausschaut, kann immer neue Möglichkeiten sehen. Aus Sehkraft wird Experimentierkraft, und aus neuer Erfahrungskraft wird Etablierungskraft. Nur was wir neu sehen, können wir dann ausprobieren, und nur was wir erleben und für gut befinden, können wir etablieren. Das Etablierte wird ein Teil unserer Welt. Entweder wird das Neue ein Gesetz, eine Tradition, etwas Feststehendes in der Welt, oder es verschwindet unbekannt und ungenutzt.

Jeden Monat investieren deutsche Firmen über 200 Millionen Euro in Stellenanzeigen in Zeitungen und Online-Stellenbörsen. Warum eigentlich? Macht man halt so! Wie wahrscheinlich sucht die passende Person ausgerechnet JETZT? Könnte sie einen Monat vorher gesucht haben oder einen Monat später suchen. Dass sie zeitgleich sucht wie das Unternehmen wäre purer Zufall. Wie wahrschlich ist es zudem bei Tausenden Stellenbörsen, dass Unternehmen und potenzielle Mitarbeiter*innen in derselben Jobbörse suchen? Der Zeitpunkt der Suche und die Menge der Stellenbörsen machen Volltreffer unwahrscheinlich. Natürlich können Bewerbungen kommen, aber sind das dann die Kandidat*innen, die am besten passen?

Dennoch sind Stellenanzeigen DER STANDARD, der sich etabliert hat. Das Gros der Unternehmen nutzt sogar ausschließlich Jobbörsen. Und beklagt sich dann über zu wenig passende Bewerbungen.

Immer mehr Unternehmen nutzen „Mitarbeiter-empfehlen-Mitarbeiter“ zur Gewinnung neuer Kolleg*innen. „Mitarbeiterempfehlung ist laut einer Umfrage ein beliebter und bequemer Weg, Fachkräfte zu finden.“, berichtete die Wirtschaftswoche 2018. Ich bin ein Fan davon, und halte es für den besten Weg für Unternehmen mit über 50 Mitarbeitern. Das sind 80.921 in Deutschland von 3,5 Millionen Betrieben. Bei den knapp 300.000 Betrieben mit 10-49 Mitarbeiter*innen sinkt das Potential durch Mitarbeiter-Empfehlung. Noch viel schwieriger wird „Mitarbeiter empfehlen Mitarbeiter“ für die 3,1 Millionen Betriebe mit unter zehn Mitarbeiter*innen.

Was alle Betriebe vereint, die erfolgreich sind: Sie haben zufriedene Kundinnen und Kunden. Was wäre, wenn alle Betriebe zuerst ihre Kund*innen fragen: “Empfehlt uns bitte Mitarbeiter*innen.” 50 Kund*innen kennen 500 Personen sehr gut. Eine Handwerksbäckerei mit 500 lokalen Käufer*innen erreicht über die Kunden deren 5.000 Freunde, Bekannten und Nachbarn. Dasselbe gilt für Städte und Gemeinden. Alle Verwaltungen suchen Mitarbeiter*innen. Eine Verbandsgemeinde mit 15.000 Einwohnern erreicht über die Bürger*innen locker 150.000 Menschen. Und 250.000 Aachener*innen kennen sogar 2,5 Millionen Menschen sehr gut.

Was wäre, wenn immer ZUERST Kund*innen und Bürger*innen nach neuen Mitarbeiter*innen gefragt werden? Wenn das nichts bringt, kann immer noch eine Stellenanzeige geschaltet werden. Die eigenen Kund*innen zu fragen, kann sogar die Beziehung stärken. Der Tischlermeister Kapune hat viele Mitarbeiter*innen über Kunden-Empfehlungen gewonnen. JobJackpot versüßt die Empfehlung. Wer erfolgreich neue Mitarbeiter*innen empfiehlt, kann den Jackpot gewinnen.

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