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Gewohnheiten ändern – warum eigentlich? Wir mögen Gewohntes, und das ist gut so.

Wer lässt sich gerne stören? Wer freut sich über Sand im Getriebe? Wer jubelt über verspätete Busse und Bahnen? Störungen im Alltag mögen wir gar nicht! 

Unsere Terminpläne sind eng getaktet. Auch die Freizeit ist häufig verplant. Wie gut, dass es Gewohnheiten gibt. Die funktionieren.

Wir müssen zum Beispiel nicht mehr nachdenken, wenn wir uns die Schnürsenkel binden. Das ist Routine. Fast alles im Alltag sind Routinen. Kaffee kochen. Anziehen. Zähne putzen. Türen öffnen. Es ist geregelt, wann wir über die Ampel gehen und wann wir stehen bleiben. Keinen Gedanken müssen wir daran verschwenden. Es läuft von selbst. Wir verbrauchen keine Energie für die Lösung, sie steht bereits fest. Alles, was feststeht, spart Energie. Das ist der große Mehrwert einer Gewohnheit. Man macht sie einfach! 

Mich beeindruckt, wie schnell das Tragen eines Mund-Nase-Schutzen in den vergangegen sechs Monaten zu einer neuen Gewohnheit in breiten Teilen der Weltbevölkerung geworden ist. Das hätte vor sieben Monaten niemand für möglich gehalten. Die Gewohnheit, hin und wieder einen Podcast zu hören, ist in Deutschland von 14% (2016) auf 33% (2020) gewachsen. 

Tradition kann schmecken und töten

Gewohnheiten schweißen zusammen, sie können zu Traditionen werden. Das gemeinsame Backen von Weihnachtsplätzchen am 4. Advent ist in meiner Familie eine schöne, leckere Tradition. Das mag ich – im wahrsten Sinne des Wortes. Es schmeckt mir.

Während wir die ersten Jahre diverse neue Rezepten ausprobiert haben, gibt es inzwischen so viele Keks-Klassiker in der Familie, dass wir immer dieselben Plätzchen backen.

Sicherheit

Der Weihnachtsbaum – ein toter Baum im Wohnzimmer- erscheint von außen betrachtet nicht sinnvoll. Doch die Gewohnheit sagt: Das macht man halt so. Die Tradition stiftet vielen Menschen Freude und Sicherheit. Auch das Auto ist eine Gewohnheit. Schaut man genauer hin, ist es erstaunlich, dass Autobesitzer*innen so viel Platz geschenkt bekommen in Form von kostenlosen Parkplätzen? Warum bekommen Radfahrer*innen nicht denselben Anteil an Straßen wie Autos?

In Paris ist die Zahl der Radfahrer um 50% gestiegen in nur einem Jahr. Die traditionelle Verteilung von Platz wird verändert. Die Bürgermeisterin hat eine Vision: “Sie will Paris zur “Stadt der Viertelstunde” machen. Alles, was man im Alltag braucht, soll fußläufig zu erreichen sein, egal, wo man sich befindet.” Noch reicht die Vorstellungskraft vieler Menschen nicht aus, um sich ein Land mit einer ganz anderen Mobilität vorzustellen. In 10 oder 20 Jahren schauen wir vielleicht zurück und wundern uns, wie es möglich war, dass jedes Jahr weltweit sieben Millionen Menschen pro Jahr an verschmutzter Luft sterben. Wie konnte das sein? Gewohnheit kann töten.

Werden Straßen vom Verkehr befreit, klagen Einzelhändler immer, man nehme ihnen den Umsatz weg. Tatsächlich gibt es weltweit Belege, dass mehr gekauft wird, wenn Straßen verkehrsberuhigt sind. Je weniger Verkehr, desto grösser die Einkaufslust der Menschen, so eine Studie, die 20 Millionen anonymisierte Zahlungen in Madrid auswertete. Das klare Ergebnis: In autofreien Zonen in Madrid wurde mehr geshoppt.

Aus Erleichterung wird Stau

Routinen sind am Anfang eine Erleichterung. Routinen sparen Zeit und andere Ressourcen. Im Laufe der Zeit kann sich das Blatt allerdings wenden, und ohne dass wir es merken führen Routinen zur Ressourcenverschwendung. Aus einer hilfreichen Gewohnheit wird der tägliche Stau auf dem Weg zur Arbeit. Stau ist lästig, aber unvermeidbar, reden wir uns die Situation dann schön. Fast zwei Tage lang stehen Pendler in Deutschland durchschnittlich pro Jahr im Stau. Bei 40 Jahren Arbeit sind das 80 Tage – fast drei Monate Lebenszeit. 

Klimaschutz steht seit Jahrzehnten auf der politischen Agenda. 1995 warnt der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung in einem Bericht an Umweltministerin Merkel vor den Folgen, wenn weiterhin so viel Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangt. Sogar die geheimen Prognosen des Öl-Konzerns Exxon von 1982 treffen heute beim Temperaturanstieg und beim CO2-Anstieg zu. Täglich steigen die Folgekosten auf, doch unsere Gewohnheiten sind stärker als die Gefahren in der Zukunft. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.

Steigern und streichen

Das Gewohnheitstier hat sich auch an die Schlagzeile vom Fachkräftemangel gewöhnt. Es gibt keinen Unterschied zwischen Fachkräfte- und Kundenmangel. Nur über den Kundenmangel schreibt und klagt niemand öffentlich. Das wäre ja peinlich. Es braucht attraktive Angebote, die bekannt gemacht werden. So einfach – und so schwer.

Auch Verwaltungen klagen über Fachkräftemangel, statt neue Wege zu gehen. Städte und Kommunen haben ein Pfund, mit dem sie noch nicht wuchern, sie könnten ihre Bürgerinnen und Bürger in die Suche einbeziehen, wenn die Stadt ihre offene Jobs gezielt bekannt macht. In der Verbandsgemeinde Sprendlingen-Gensingen wohnen 14.571 Menschen, die zusammen weitere 145.710 Menschen sehr gut kennen. Die 35.514 Limburger Bürger*innen kennen 355.140 Freunde, Bekannte, Nachbarn und deren Wünsche sehr gut. Darunter sind die gesuchten Personen. Jede Wette! Die 248.960 Aachener*innen kennen zusammen 2,5 Millionen Menschen sehr gut. Werden sowohl die Bekanntheit der Stellen als auch der Anreiz zur Suche für die Bürger*innen gesteigert, werden auch Tempo und Qualität der Stellenbesetzung gesteigert. Wetten, dass…?

Estland spart 800 Jahre Arbeitszeit in der Verwaltung durch mehr als 100 digitalisierte Angebote für Bürgerinnen und Bürger. Das tut allen gut! Deutschland könnte pro Jahr rund 50.000 Jahre Arbeitszeit sparen, wären wir nur auf dem Stand von Estland. Doch die alten, nicht digitalisierten Prozesse halten uns fest. Und wenn etwas digitalisiert wird, wird das digitalisierte Angebot häufig nicht neu gedacht, sondern der alte Klotz am Bein wird digitalisiert.

Statt Klotz am Bein hilft das Streichen! Nimm einen Prozess, definiere sechs Kernelemente und streiche drei davon. Schon ist der Prozess neu. Dasselbe funktioniert bei Produkten. Streichend wird Platz für Neues gewonnen. Streichen ist ein Handwerkzeug der Innovation. Streichen, umdrehen: Neu. Steigern, streichen: Neu. Ersetzen, streichen: Neu. Das kann täglich trainiert werden. Ich nenne es Ideenfitness-Training. Warum fällt uns das Streichen so schwer? Weil wir am Gewohnten hängen.

Verteidigung auf dem Berg

Gewohnheiten wirken wie Mauern und Burgen. Das Neue steht unten, und wir kippen Pech runter. Als meine Frau und ich im Sommer 2019 in Georgien waren, standen wir auf diversen Burgen und schauten in die extreme Weite der georgischen Täler. Und ich dachte mir: So verteidigen viele Menschen und Organisationen ihre gewohnten Positionen – von oben herab umgeben von starken Mauern.

Hinzu kommt in vielen Unternehmen die Unsitte, dass alles Neue auf den bestehenden Berg der Arbeit auch noch oben drauf kommt. Selten wird Altes gestrichen. Das führt dazu, dass das Neue liegen bliebt und das Ungewohnte als Erstes aussortiert wird. Der Berg gewohnter Tätigkeiten steht im Weg. Wenn wir nicht bewusst Elemente streichen und Platz schaffen, muss sich das Neue immer ganz hinten anstellen und kommt nicht zum Zuge. So schlecht ist der alte Prozess doch gar nicht. Schau, wie gut es uns geht! Außerdem lieben wir Gewohnheiten – selbst wenn wir über dumme Angewohnheiten lästern. Sie geben uns Sicherheit. Das wirklich Neue ist unbekannt, ungewohnt, unchristlich, unwürdig, unsexy, unbeliebt. Das mögen wir gar nicht. So bleiben wir in unserer gewohnten Burg.

Von Burg zu Burg

Das Neue müsste sich erst mal bewähren. Gefällt es uns, hat das Neue sogar die Chance, zur neuen Gewohnheit zu werden. Der Psychologe und Unternehmensberater Peter Kruse sagte treffend: „Alle Systeme versuchen stabile Zustände zu erreichen. Alle Systeme bilden Ordnungsmuster.“ Atome, Menschen, Ideen streben zu Stabilität. Dauerhafte Instabilität ertragen wir nicht. Würde alles fließen, wäre das ein psychotischer Zustand, so Peter Kruse. Innovation ist die Störung zwischen zwei stabilen Zuständen, zwischen dem alten System und dem neuen System, zwischen den alten Spielregeln und den neuen Spielregeln. Zwischen der alten und der neuen Burg. 

Wir wollen Gewohnheit, und das ist gut so. Die meisten Veränderungsprozesse betonen zu sehr das Neue, statt die Sicherheit und den Mehrwert der neuen Gewohnheit hervorzuheben. Mit einer Idee fängt jede Gewohnheit an. Unsere ganze Geschichte besteht aus Ideen, die zu Gewohnheiten wurden. Doch vor der allgemeinen Routine haben immer einzelne Menschen hart für die Idee gekämpft.

Ideen sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Menschen haben jeden Tag neue Ideen: Was ziehe ich heute an? Was koche ich morgen? Welcher neue Wirkstoff in einem Medikament wird mehr Menschen heilen als bisher? Auch hier gilt: Es könnte so einfach sein, wäre da nicht die Routine. Die Routine ist der Feind jeder außergewöhnlichen Idee, die uns eine außergewöhnliche neue Gewohnheit bringen könnte. Der Feind der neuen, besseren Gewohnheit lässt Ideen gleich am Anfang als sinnlos erscheinen und macht sie nieder. Da wir sie nicht kennen, glauben wir unserer Routine mehr als der Idee.

Tretet nicht auf Ideen-Babys

Es gibt einen Weg, diesem Feind ein Schnippchen zu schlagen: Lasst Ideen leben, lasst Ideen rocken! Wollt ihr Schmetterlinge, tretet nicht auf Raupen!

Wollt ihr reife, nachhaltige Veränderungen, tretet nicht auf Ideen-Babys!

Ideen tragen Talente in sich – wie Babys, die erst einmal gefüttert, gepampert und geliebt werden wollen. Niemand erwartet bei einem Neugeboren sofort, dass die musischen, mathematischen oder sportlichen Talente mit der Geburt bereits voll ausgeprägt sind. Genauso unsinnig ist diese Erwartung bei Ideen. 

Füttert Ideen und liebt sie, bis aus ihnen starke Gewohnheiten geworden sind. Alles, was sich neu durchsetzt, sind neue Gewohnheiten und neue Strukturen. Wie im Gehirn so in der Welt.

Wir Menschen lieben Gewohnheiten, und das ist gut so. Ideen sind der Start, nicht das Ende. Netflix feiert in diesem Jahr den 23. Geburtstag. Ja, richtig gelesen: Als ihr Netflix kennengelernt habt, war diese Idee bereits volljährig. Ideen sind zuerst hilflose Babys, dann wilde Teenager und schließlich erwachsene, gereifte Gewohnheiten. Also: Ein Hoch auf die alten und neuen Gewohnheiten.

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